Tinnitus – «Antidepressiva können das Erleben des Tinnitus verbessern»

Chronischer Tinnitus kann so quälend sein, dass manche der Betroffenen
Depressionen und Suizidgedanken entwickeln. Doch es gibt Möglichkeiten, den Tinnitus – und vor allem die Wahrnehmung des Tinnitus – zu verbessern. Ein Gespräch mit Dr. med. Enrico Frigg über die Therapieoptionen. 

Portät des Chefarztes der MENTALVA

Dr. med. Eva Ebnöther (PraxisMag) im Gespräch mit Dr. med. Enrico Frigg

Wann kommen Menschen mit Tinnitus für eine stationäre Behandlung in die Klinik?

Dr. med. Enrico Frigg: Tinnitus ist in der Bevölkerung weit verbreitet, und viele Betroffene können damit einigermassen gut umgehen, ohne dass sie eine Behandlung brauchen. Die Menschen, die zu uns für eine stationäre Therapie kommen, sind viel stärker belastet. Die meisten sind krank geschrieben und ambulante Massnahmen bringen ihnen zu wenig. Diese Patient:innen haben praktisch alle begleitend Stressfolgeerkrankungen wie ein Burnout, eine Depression oder Ängste.

Dass Tinnitus eine Depression auslösen kann, ist verständlich. Doch gibt es auch den umgekehrten Weg, dass Menschen mit Depression einen Tinnitus entwickeln, quasi als Symptom der Depression?

Ja, das kommt vor. Manche Betroffenen leiden zunächst unter den typischen Symptomen einer Stressfolgeerkrankung wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Reizbarkeit und sozialer Rückzug, und «on top» entwickelt sich dann auch noch ein Tinnitus. Dieser kann zusätzliche Ängste auslösen, wenn sich die Betroffenen fragen, ob dieses Geräusch im Ohr nie mehr verschwindet. Manche haben sogar suizidale Gedanken im Sinne von «So kann ich nicht weiterleben» oder «Es gibt keinen Ausweg mehr».

Wie gehen Sie mit suizidalen Patientinnen / Patienten um?

In unserer Klinik können die Patientinnen und Patienten ein- und ausgehen, wir sind eine offene Klinik. Deshalb fordern wir von Betroffenen das Versprechen ein, dass sie sich, wenn dunkle Gedanken aufkommen, an jemanden vom Behandlungsteam wenden. Der menschliche Kontakt ist in einer solchen Situation enorm wichtig. Natürlich werden suizidale Personen auch engmaschig begleitet. Wenn wir allerdings den Eindruck haben, dass wir jemandem nicht vertrauen können, bleibt nur die Ultima ratio: die Überweisung in eine Institution mit einer geschlossenen Abteilung. Das kommt zum Glück fast nie vor.

Helfen Antidepressiva bei Tinnitus?

Wenn Ängste oder eine Erschöpfungsdepression im Vordergrund stehen, besteht die Basismedikation aus Antidepressiva. Und wenn diese gegen die psychischen Beschwerden helfen, verbessert sich oft auch das Erleben des Tinnitus. Die Geräusche gehen meistens nicht ganz weg, aber die Betroffenen können deutlich besser damit umgehen.

Gibt es auch Therapieoptionen, die den Tinnitus gezielt angehen?

In unserer Klinik bieten wir eine Tinnitus-spezifische Hörtherapie an. Das Ziel besteht darin, dass die Patient:innen Strategien entwickeln, wie sie ihre Aufmerksamkeit von dem Ohrgeräusch ablenken können resp. dass sie sich weniger auf das Geräusch konzentrieren. So können die Betroffenen auch Momente erleben, in denen sie den Tinnitus kaum mehr wahrnehmen. Dies vermittelt Hoffnung, denn die Patient:innen erfahren, dass der Tinnitus in den Hintergrund rücken und sich verbessern kann.

Welche Rolle spielen nicht medikamentöse Therapien wie Psychotherapie, Sport, Entspannung etc. bei Tinnitus?

Menschen, die mit Tinnitus zu uns kommen, werden ins normale Therapieprogramm eingebunden. Abgesehen von der spezifischen Hörtherapie, die sich nur an Tinnitus-Patient:innen richtet, erhalten sie evidenzbasierte Behandlungen wie Psycho- und Pharmakotherapie. Weitere Behandlungsoptionen sind Physiotherapie, Fitness und Sport, Massagen, Entspannungstherapien, traditionelle chinesische Medizin, Kreativtherapien wie Malen oder Musik und verschiedene Gruppenangebote wie Qi Gong oder Yoga. Wir schauen, welche Methoden sich für die betroffene Person eignen, und stellen ein patientenspezifisches Programm zusammen.

Wie lange bleiben die Tinnitus-Patient:innen bei Ihnen?

Im Durchschnitt acht Wochen.

Wie wichtig ist für die Patient:innen der Austausch mit anderen Betroffenen?

Der ist sehr wichtig – vor allem der informelle Austausch, der ganz nebenbei stattfindet, beim Mittag- oder Abendessen oder in der Freizeit. Unsere Klinik hat den Vorteil, dass sie klein ist und eine familiäre Atmosphäre hat. Unter den maximal 17 Patient:innen kommt es automatisch zu Gesprächen. Für viele ist es sehr hilfreich zu erfahren, dass sie nicht die einzigen sind mit belastenden Symptomen.

Tinnitus ist häufig mit Hörverlust assoziiert – kann dieser die Entwicklung von Depressionen fördern?

Hörverlust ist ein typischer Risikofaktor, weil er zu einer Überforderung im zwischenmenschlichen Bereich und zur sozialen Isolation beitragen kann. Ein Hörverlust kann zudem einen Tinnitus begünstigen oder sogar verursachen. Wir schicken alle Tinnitus-Patient:innen zum HNO-Spezialisten für eine Beurteilung und eine Therapieempfehlung. Bei manchen Betroffenen verbessert sich durch die Anpassung eines Hörgeräts nicht nur das Hörvermögen, sondern auch der Tinnitus.

Spielen Persönlichkeitsmerkmale bei der Entwicklung von Tinnitus auch eine Rolle?

Grundsätzlich kann Tinnitus bei allen Menschen auftreten, bei Männern und Frauen, bei Jungen und Alten. Da Tinnitus aber oft eine Stressfolgeerkrankung ist, sehen wir bei uns in der Klinik häufig Personen, die sehr leistungsorientiert sind und sich im Leistungsdiktat der modernen Gesellschaft verlieren. Und wenn es zu einer Überforderung im Beruf kommt, leidet immer auch das Privatleben.

Haben diese Patient:innen, wenn sie in die Klinik kommen, nicht sehr grosse Angst, dass sie beruflich den Anschluss verlieren oder den Job verlieren?

Diese Angst ist oft da. Aber in der Regel sind die Personen, die für einen stationären Aufenthalt kommen, bereits an einem Punkt, wo gar nichts mehr geht – sie sind meistens arbeitsunfähig und krank geschrieben. Es ist ihnen also klar, dass es Massnahmen braucht, damit es ihnen wieder besser geht. In der Klinik haben wir einen Sozialdienst, der sich um berufliche Fragen kümmert, und wir nehmen auch Kontakt mit dem Arbeitgeber auf, um die Wiedereingliederung in den Beruf zu besprechen. Manchmal kommen die Betroffenen auch zur Einsicht, dass sie die Stelle wechseln müssen, damit sie sich besser vom Stress abgrenzen können.

Haben Sie einen Tipp zur Tinnitus-Prävention – abgesehen davon, dass man das Gehör vor Lärm schützen soll?

Es nicht so weit kommen lassen, dass der Stress einen überwältigt. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Denn viele Menschen stecken in Sachzwängen und können sich nicht eingestehen, dass sie am Anschlag sind. Grundsätzlich gilt aber: Wenn man merkt, dass die Leistungsgrenze erreicht ist und sich Beschwerden wie Schlafstörungen, Gereiztheit oder dauernde Erschöpfung häufen, sollte man sich Hilfe holen.

«Entscheidend ist nicht nur das Ohrgeräusch, sondern der Stress dahinter: Wenn Depression, Angst oder Erschöpfung behandelt werden, rückt der Tinnitus oft in den Hintergrund.»

«Antidepressiva beseitigen den Tinnitus meist nicht – können aber das psychische Erleben deutlich verbessern und damit den Leidensdruck reduzieren.»

Die Erfahrungen zeigen: Die Reaktionen auf TCM sind in der Regel sehr positiv. Viele Patientinnen und Patienten berichten nach den Behandlungen von einer tiefen, wohltuenden Entspannung – innerer Druck kann sich lösen.

Neben psychischen Erkrankungen behandelt die TCM in der MENTALVA auch somatische Beschwerden, etwa Heuschnupfen, Kopfschmerzen und Migräne oder Probleme des Bewegungsapparates. Methoden wie Schröpfen oder Gua Sha (Schabetechnik) sind besonders effektiv bei Muskelverspannungen und chronischen Schmerzen und können zudem das Immunsystem stärken.

Unterstützend kommt bei vielen Behandlungen die Moxibustion zum Einsatz. Dabei werden bestimmte Akupunkturpunkte mit einer sogenannten Moxa-Zigarre aus getrocknetem Beifuss erwärmt. Die Wärme stärkt die Yang-Energie und hilft, energetische Blockaden zu lösen. Die Tuina-Heilmassage wird insbesondere bei Beschwerden des Bewegungsapparates angewendet und fördert die Durchblutung sowie die energetische Balance.

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Mitarbeiterin Administration

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Die MENTALVA nimmt Sie mit einer Grundversicherung plus einer Privat- oder Halbprivat-Versicherung sowie als Selbstzahler auf. Im Zusatzversicherungsbereich sind je nach Krankenversicherung bestimmte Krankheiten ausgeschlossen oder die Übernahme der Kosten ist zeitlich begrenzt. Ihre Kostenbeteiligung hängt von Ihrem Versicherungsvertrag ab.

Wir empfehlen Ihnen sich vorgängig bei Ihrer Krankenversicherung über die gedeckten Leistungen und Ihre Kostenbeteiligung zu erkundigen. Wir stellen beim Eintritt ein Gesuch um Kostengutsprache Ihrer Krankenversicherung und Ihres Wohnkantons. Diese Koordination erfolgt durch uns.

Die Suiten stehen neben Selbstzahlern auch Privat- und Halbprivatversicherten gegen einen Aufpreis zur Verfügung.

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