- Fachbeitrag
Warum Tinnitus weit mehr als ein störendes Geräusch ist
Tinnitus ist mehr als ein störendes Geräusch. Für viele Betroffene wird er zur dauerhaften Belastung, die Schlaf, Konzentration und Lebensqualität beeinträchtigt – und verlangt deshalb nach einer ganzheitlichen Behandlung.
Tinnitus kann ganz unterschiedlich klingen: als Pfeifen, Rauschen, Surren, Klingeln oder Klopfen. Manche Menschen nehmen die Geräusche nur zeitweise wahr, andere fast ununterbrochen. Besonders belastend wird es dann, wenn die Ohrgeräusche in den Vordergrund treten und den Alltag dominieren. Häufig kommt eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen hinzu.
Wichtig ist zunächst eine medizinische Abklärung. Halten Ohr- oder Kopfgeräusche länger an, sollten mögliche körperliche Ursachen untersucht werden. Dazu gehören etwa Entzündungen im Innenohr, Hörnervenschädigungen, Gefässveränderungen, Bluthochdruck oder akustische Überlastungen durch Knallereignisse oder sehr laute Musik.
«Chronischer Tinnitus ist nicht nur ein Problem des Hörens, sondern oft Ausdruck einer umfassenden Belastung.»
Dr. med. Enrico Frigg
Auffällig ist, dass sich ein Tinnitus häufig in Phasen grosser Belastung verstärkt. Beruflicher Druck, private Herausforderungen oder anhaltende Überforderung können dazu führen, dass ein zuvor kaum wahrgenommenes Ohrgeräusch plötzlich als massiv störend erlebt wird.
Mit zunehmendem Leidensdruck treten oft weitere Beschwerden auf: Schlafstörungen, Erschöpfung, innere Unruhe, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit oder depressive Symptome. Damit wird deutlich, dass Tinnitus weit über das Ohr hinauswirkt und auch psychische und soziale Folgen haben kann.
Multimodaler Ansatz notwendig
Entsprechend braucht es bei chronischem Tinnitus meist mehr als eine rein medizinische Behandlung. Nach der HNO-ärztlichen Abklärung kann ein multimodaler Therapieansatz sinnvoll sein. Dazu gehören psychotherapeutische Begleitung, physiotherapeutische Massnahmen und – in akuten Situationen – auch eine vorübergehende medikamentöse Unterstützung.
Eine wichtige Rolle spielt die kognitive Verhaltenstherapie. Sie hilft Betroffenen, die Beschwerden besser zu verstehen, belastende Gedankenmuster zu erkennen und neue Strategien im Umgang mit dem Tinnitus zu entwickeln. Ergänzend können Hörtherapie, Achtsamkeit, Musiktherapie und Entspannungsverfahren helfen, den Leidensdruck zu reduzieren. Besteht zusätzlich ein Hörverlust, können auch Hörgeräte eine Entlastung bringen.
«Ziel der Behandlung ist nicht nur, das Geräusch zu bekämpfen, sondern den Betroffenen wieder mehr Handlungsspielraum im Alltag zu geben.»
Dr. med. Enrico Frigg
Langfristig zeigt sich: Eine nachhaltige Verbesserung gelingt oft nur dann, wenn auch der Alltag in den Blick genommen wird. Wer nach einer Behandlung in die gleichen Überforderungsmuster zurückkehrt, riskiert, dass sich die Beschwerden wieder verstärken. Deshalb braucht es nicht selten grundlegende Veränderungen – beruflich wie privat. Weniger Perfektionsdruck, ein bewussterer Umgang mit den eigenen Grenzen und mehr Selbstfürsorge sind entscheidende Schritte auf dem Weg zu mehr Lebensqualität.
Text: Von Katja Seifried, brainMAG
Dr. med. Enrico Frigg
Dr. med. Enrico Frigg ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und seit Januar 2024 Chefarzt der Privatklinik MENTALVA. Bereits seit mehreren Jahren prägt er die medizinische und therapeutische Arbeit der Klinik in leitender Funktion mit.
Sein Schwerpunkt liegt auf tiefenpsychologischen und analytischen Therapieansätzen nach C. G. Jung, ergänzt durch komplementärmedizinische Methoden. Seine vielseitige berufliche Erfahrung in Psychiatrie, Forschung und Medizin fliesst in einen ganzheitlichen Blick auf die Behandlung ein.