Burnout – Was tun, wenn man beruflich und sozial ausgebrannt ist?

Eine unausgeglichene Life-Domain-Balance kann schwerwiegende Folgen für Betroffene haben. Dr. med. Enrico Frigg erklärt die Entwicklung eines Burnouts und dessen Behandlung.

Portät des Chefarztes der MENTALVA

Dr. med. Enrico Frigg

Dr. med. Enrico Frigg, worin unterscheidet sich ein Burnout von einer Depression?
Eine Depression ist eine offizielle Diagnose. Sie beschreibt einen Zustand, der anhand eines Symptomkatalogs erfasst wird. Der Begriff Burnout hingegen bezeichnet in erster Linie einen Prozess, der sich über längere Zeit entwickelt. Häufig ist es allerdings so, dass Menschen, die einen Burnout-Prozess durchlaufen, am Ende das klinische Bild einer Depression zeigen.

Welche Symptome treten bei einem Burnout typischerweise auf?
Die Symptome können je nach Schweregrad unterschiedlich ausgeprägt sein. In frühen Phasen zeigt sich oft eine anhaltende Überforderung. Diese wird meist zuerst im beruflichen Umfeld spürbar, bleibt aber selten darauf beschränkt. Viele Betroffene nehmen den Druck mit nach Hause, wodurch auch das familiäre Umfeld belastet wird. Typisch sind zudem Gefühle von Ohnmacht und der Eindruck, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Daraus entstehen häufig permanente Anspannung, Gereiztheit und Konflikte mit anderen.

Ein weiteres frühes Warnsignal sind Schlafstörungen. Wenn psychisch etwas aus dem Gleichgewicht gerät, zeigt sich das oft zuerst im Schlaf. Gedanken kreisen, das Abschalten fällt schwer, echte Erholung bleibt aus — selbst an Wochenenden oder in den Ferien. Nicht selten kommen körperliche Beschwerden hinzu, etwa Magen-Darm-Probleme oder Verdauungsbeschwerden.

Im weiteren Verlauf ziehen sich viele Betroffene zurück. Sie isolieren sich, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig können innere Leere und Sinnfragen zunehmen. Manche versuchen, den Druck mit Alkohol oder anderen Mitteln kurzfristig zu dämpfen. Im schlimmsten Fall kann die Situation so weit eskalieren, dass suizidale Gedanken auftreten.

«Burnout ist keine plötzliche Diagnose, sondern ein Prozess, der sich über längere Zeit entwickelt.»

Viele verbinden Burnout mit gestressten Managern. Ist dieses Bild zutreffend?
Ja und nein. Dieses Bild ist historisch gewachsen, weil Burnout in den 1980er-Jahren vor allem bei stark belasteten Führungskräften öffentlich thematisiert wurde. Das Phänomen selbst ist jedoch viel älter. Früher sprach man etwa von Neurasthenie oder Erschöpfungsdepression. Gemeint war schon damals ein Zustand tiefer Erschöpfung und fehlender innerer Reserven.

Ein Burnout ist keineswegs nur ein Thema für Leistungsträger oder Führungspersonen. Ein Burnout kann auch Durchschnittsbürgerinnen und -bürger treffen. Entscheidend sind vielmehr anhaltende Belastung, Überforderung und das Gefühl, der Situation ausgeliefert zu sein. Deshalb kann Burnout  Personen betreffen, die familiär oder sozial stark gefordert sind.

«Burnout kann Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen treffen.»

Was kann man tun, um einem Burnout vorzubeugen?
Wer merkt, dass alles zu viel wird, schlecht schläft, gereizt reagiert und für alltägliche Aufgaben immer mehr Kraft aufbringen muss, sollte diese Signale ernst nehmen. Entscheidend ist, ehrlich mit sich selbst zu sein und anzuerkennen, dass die Situation aus dem Gleichgewicht geraten ist. Genau dieser Schritt fällt vielen schwer — auch weil niemand schwach wirken möchte. Doch je früher die Negativspirale durchbrochen wird, desto besser. Hilfe kann professionell sein, etwa durch Therapie oder Coaching, oder auch im privaten Umfeld beginnen, bei einer vertrauten Person.

Wie wird ein Burnout behandelt?
Das hängt vom Schweregrad ab. Leichtere Formen können ambulant behandelt werden, bei schweren Verläufen ist eine stationäre Behandlung oft sinnvoll. In beiden Fällen ist es wichtig, dass Betroffene sowohl im privaten Umfeld als auch am Arbeitsplatz Verständnis und Unterstützung erfahren. Ziel der Behandlung ist es, bestehende Ungleichgewichte zu erkennen und schrittweise wieder ins Lot zu bringen. Diese liegen häufig im zwischenmenschlichen Bereich — besonders auch im beruflichen Kontext.

Ebenso zentral ist die sogenannte Life-Domain-Balance. Betroffene müssen wieder herausfinden, was ihnen früher Kraft gegeben hat und als Ausgleich diente. Gerade solche stabilisierenden Aktivitäten gehen in belastenden Phasen oft verloren. Umso wichtiger ist es, sie bewusst wieder in den Alltag zu integrieren.

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